Buddha
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Sinnliches Verlangen als Hindernis

Nach einem Vortrag von Gil Fronsdal vom 7. November 2004


Wie Regen in ein schlecht gedecktes Haus dringen kann,
So kann Verlangen in einen schlecht entwickelten Geist dringen.

Wie Regen nicht in ein gut gedecktes Haus dringen kann,
So  kann Verlangen nicht in einen gut entwickelten Geist dringen.

Dhammapada (13-14)


Man sagt, es sei einfach, Achtsamkeit zu praktizieren; das Schwierige sei, nicht zu vergessen, sie zu praktizieren. Wenn wir ein klares Verständnis haben von den ablenkenden Kräften unserer Gedanken, ist es leichter, die Achtsamkeit in Erinnerung zu halten. Die Kraft, der in der buddhistischen Tradition die meiste Aufmerksamkeit geschenkt wird, ist Verlangen.

Verlangen ist allgegenwärtig im menschlichen Leben. Leben ohne Bedürfnisse, Wünsche, Motivationen und Bestrebungen ist undenkbar. Manche Verlangen sind gesund, nützlich und angemessen; andere sind es nicht. Eine Wirkung der Achtsamkeitsausübung ist es, zwischen diesen Gegensätzen unterscheiden zu lernen. Diese Differenzierung hilft uns, das Streben nach Freiheit und Mitgefühl zu unterstützen.

Jedes Verlangen, ob gesund oder ungesund, kann sich leicht zum Zwang ausprägen. Wenn wir unter Zwang stehen, sind wir nicht frei. In der westlichen Welt nennen wir besonders starkes Verlangen manchmal „Abhängigkeiten“. Der Buddhismus benutzt die Begriffe Sucht, Anhaftungen oder „Dürste“. Sorgfältige Aufmerksamkeit in Bezug darauf, was in uns vorgeht, z. B. durch Meditation, wird schnell zeigen, dass Zwänge tief in unserem Geist verwurzelt sind.

Weil das Verlangen eine so wichtige Rolle in unserem menschlichen Leben spielt, müssen wir seine Natur, Gefahren, Möglichkeiten und Funktionsweisen verstehen. Es kann helfen, zwischen einfachem Verlangen und Sucht zu unterscheiden, und die eine Sucht begleitende Anspannung zu bemerken. Es kann ebenfalls hilfreich sein zu sehen, wie unsere ständige Beschäftigung mit jedwedem Verlangen uns von uns selbst, dem jetzigen Moment und sogar von unseren Mitmenschen entfremdet. Dies geschieht etwa, wenn wir in Fantasien versunken sind, die von Verlangen genährt werden. Menschen, die im Netz des Verlangens gefangen sind, leben ihr Leben oft nur sehr oberflächlich.

Manchmal sind wir zwischen zwei konkurrierenden Verlangen gefangen. Gesundes Verlangen wird allzu leicht von Verlangen nach Bequemlichkeit und Freuden verdrängt. Manche Menschen möchten sich zum Beispiel gesund ernähren, geben sich jedoch dem Reiz des Junk Food hin.

Der Konflikt im Verlangen ist gerade während der Meditation offensichtlich. Ein weit verbreitetes Hindernis der Achtsamkeit, das sich während der Meditation zeigt, ist unser Hang zum Grübeln. Grübeln kann zwanghaft sein – manchmal wegen der Macht des Verlangens, an das wir denken, manchmal einfach wegen der Abhängigkeit vom Denken selbst. Der Wunsch, achtsam präsent zu bleiben, liegt im Konflikt mit der Tendenz, dass wir uns im Verlangen zu denken verlieren.

Sinnliches Verlangen ist der erste Punkt auf den vielen buddhistischen Listen der Hindernisse zum Erwachen und zu spiritueller Freiheit. Es ist das erste der Fünf Hindernisse. Das Wort in Pali für sinnliches Verlangen ist kama-chanda. Chanda heißt einfach nur Verlangen. Kama ist ein ausdrucksstarkes Wort, welches für sinnlichen Genuss, sinnliche Leidenschaft und sexuelle Lust steht. Gemeinsam stehen sie für eine zwanghafte Beschäftigung mit sinnlichem Genuss und Bequemlichkeit.

Vielleicht wird sinnliches Verlangen als besonders gefährlich für Meditierende angesehen, weil das Greifen nach Freude und die Vermeidung von Schmerz grundlegender als andere Verlangen sind. Selbst wenn der Geist ruhig genug ist, um nicht von anderen Verlangen gefangen zu werden, können die Verlockungen des Vergnügens immer noch wirken. Wenn der Griff des sinnlichen Verlangens stark ist, dann zieht es uns häufig in eine Welt von Fantasie und Vorstellung. Manchmal hält uns das Vergnügen am Fantasieren selbst mehr im Griff als das Objekt unserer Begierde.

Obwohl an sich nichts falsch an sinnlicher Freude ist, ist die Sehnsucht danach ein Hindernis, wenn sie unsere Fähigkeit, in der Gegenwart zu verweilen, beeinträchtigt. Während der Meditation kann selbst das unschuldigste Verlangen die Aufmerksamkeit von dem schmalen Grat des gegenwärtigen Moments ablenken. Wenn wir auf dem Grat bleiben wollen, dann müssen wir alles loslassen, was uns davon abrutschen lässt.

In der Ausübung der Achtsamkeit gibt es drei allgemeine Vorgehensweisen, um sinnliches Verlangen, das Achtsamkeit verhindert, zu überwinden. Für alle drei ist es notwendig, dem Verlangen nicht zu folgen, ja noch nicht einmal aktiv darüber nachzudenken.

Zum einen reicht es manchmal aus, sich gewissenhafter und mit mehr Kraft der Meditation zu widmen. Die Bemühung, Meditation zu üben, kann dadurch stärker werden als der Sog des sinnlichen Verlangens.

Die zweite Herangehensweise besteht darin, das Objekt der Begierde genauer zu beobachten. Sehen wir es wirklich akkurat? Wenn wir vom Objekt verzaubert sind, dann kann es gesund sein, von ihm „entzaubert“ zu werden; das heißt, man kann die unrealistischen Projektionen und Erwartungen durchschauen. Es kann auch hilfreich sein herauszufinden, was passiert, wenn unser Verlangen erfüllt wurde. Hat dies unsere Erwartungen erfüllt? Sind wir jetzt zufrieden? Oder wurde das Verlangen durch andere ersetzt?

Drittens können wir unsere Aufmerksamkeit vom Objekt der Begierde abwenden und uns stattdessen unserer subjektiven Erfahrung des Verlangens selbst bewusst werden. Wie stark ist das Verlangen oder der Impuls zu handeln? Wie lange hält er an? Was sind die physischen Empfindungen des Verlangens? Wo im Körper fühlen wir sie? Wie steht es um die Qualität unseres Geistes, wenn wir von Verlangen gefangen sind? Häufig lässt uns die stetige Beschäftigung mit dem Objekt der Begierde gar nicht erkennen, welches Unbehagen die Zwänge mit sich bringen.

Um die Natur von Verlangen selbst zu erforschen, ist es wichtig, es weder zu unterdrücken noch nach ihm zu handeln. Man sollte dem Verlangen stattdessen erlauben, frei zu fließen.

Indem wir uns der subjektiven Erfahrung des Verlangens nach sinnlichen Freuden zuwenden, entdecken wir vielleicht, was sonst noch mit dem Verlangen verknüpft ist. Vielleicht haben wir starke Überzeugungen in Bezug auf Freude und Unbehagen. Verlangen kann verbunden sein mit Vorstellungen – über Sicherheit, Erfolg, Status oder über das Bedürfnis nach Bestätigung. Verlangen kann einhergehen mit zwingenden Argumenten und Gefühlen.

Oder wir finden heraus, dass wir mit sinnlichen Freuden versuchen, ein emotionales Loch wie Traurigkeit oder Einsamkeit zu füllen. Es ist aufschlussreich, dass das englische Wort „want“ zwei Bedeutungen besitzt. Zusätzlich zur synonymen Bedeutung mit „Verlangen“ kann es ebenfalls einen Mangel darstellen, wie im alten englischen Sprichwort „for want of a nail …“ (dt. „mangels eines Nagels“). Manchmal kann die Abhängigkeit von sinnlichen Gelüsten ein verfehlter Versuch sein, einen Mangel oder die Leere im Inneren zu füllen. In der Achtsamkeit lernen wir, die innere Leere mit Bewusstsein zu füllen.

Wenn Meditierende mit ihrem Hang zu sinnlichen Freuden vertraut geworden sind, braucht es für Freiheit nur einige Momente der Aufmerksamkeit: das Verlangen direkt anzusehen, es beim Namen zu nennen und die Erfahrungen im Körper zu spüren.

Es hilft auch, klar zu erkennen, welche Gefühle der Freiheit, des Wohlbefindens oder der Erleichterung in uns aufsteigen, wenn sich der Griff des sinnlichen Verlangens löst. Dies zeigt uns, dass wir tatsächlich verhindern können, dem Sog des sinnlichen Verlangens zu unterliegen.  Auch lernen wir, diese neue Freiheit zu schätzen.

Wenn wir die tiefe Zufriedenheit des gegenwärtigen, ruhigen und konzentrieren Seins in der Meditation berühren, wird das Verlangen weniger und weniger stark. Diese Zufriedenheit kann sogar dabei helfen, die Zwänge hinter dem Verlangen zu heilen.

Je stärker das Verlangen nach sinnlicher Freude die Achtsamkeit behindert, desto wertvoller ist es zu erlernen, wie man sich von ihm befreit. Und je mehr wir diese Freiheit schätzen, umso wahrscheinlicher wird es, dass wir diese Freiheit nutzen, um weise zu entscheiden, welche Verlangen und Bestrebungen wir zulassen, uns in unserem Leben zu führen.